Dekubitusprophylaxe

In der Alten- und Krankenpflege können sich durch unterschiedlichste Ursachen Dekubiti bei Bewohnern und Patienten entwickeln. Um die Entstehung von Dekubiti zu vermeiden, muss eine umfangreiche Prophylaxe bei gefährdeten Personen durchgeführt werden.

Definition

Als Dekubitus wird „eine lokal begrenzte Schädigung der Haut und/oder des darunterliegenden Gewebes, typischerweise über knöchernen Vorsprüngen, infolge von Druck oder Druck in Verbindung mit Scherkräften“ (DNQP 2017) bezeichnet.

 

Das bedeutet, dass das Druckgeschwür/ die Druckverletzung (Dekubitus) in der Haut (Epidermis und Dermis) oder darunter entstehen kann.

 

CAVE! - Die obere Hautschicht kann dabei vorerst intakt sein! 


Entstehung

Bisher ist noch nicht ganz erforscht, welche Bedingungen zur Entstehung eines Dekubitus führen.

Klar sind aber folgende Faktoren:

  • länger andauernde (Zeit unklar, vermutlich mehrere Minuten bis Stunden)
  • Verformung oder Scherung (nicht näher bezeichnet)
  • weicher Gewebe (der Haut und darunter) zwischen
  • festen körperinneren Strukturen wie Knochen, Sehnen, Bändern oder Knorpeln und
  • äußeren festen Körpern wie Sitz- oder Auflageflächen oder
  • anderer „harten“ Gegenständen (z.B. körpernahe medizinische Geräte), die auf die Haut oder dem darunter liegenden weichen Gewebe von außen mechanisch einwirken. (Vgl. DNQP 2017)

Hauptursache für die unzureichende Vorhersagbarkeit ist die Komplexität der Entstehung. Man spricht auch von einem multifaktoriellen Geschehen, da sehr viele Umstände die Entstehung beeinflussen.

Sowohl externe als auch interne, individuelle Faktoren spielen eine wichtige Rolle.


Risikofaktoren

In der Literatur werden über 100 verschiedene Risikofaktoren beschrieben. Die drei wichtigsten sind:

  • Immobilität
  • Beeinträchtigter Hautzustand/ bereits vorhandener Dekubitus
  • Schlechte Durchblutung / Minderdurchblutung

Weitere wichtige Risikofaktoren, die die Entstehung eines Dekubitus noch begünstigen sind:

  • verminderte sensorische Wahrnehmung
  • Diabetes mellitus
  • erhöhte Hautfeuchtigkeit
  • schlechte Ernährung
  • niedrige Albuminwerte (Vgl. DNQP 2017)

Dekubitus Assessment

 

Die allgemeine Empfehlung lautet eine Risikoeinschätzung immer bei Aufnahme einer Person in die ambulante oder stationäre Pflegeeinrichtung durchzuführen. Laut Literatur soll die Ersteinschätzung innerhalb von 8 Stunden nach der Aufnahme erfolgen.

 

Das Vorhandensein von potenziellen Risikofaktoren sollte untersucht, eine Hautinspektion durchgeführt und der Ernährungszustand eingeschätzt werden. Ebenso sollte der allgemeine Gesundheitszustand dieser Person ermittelt werden.

 

Assessmentinstrumente sind unterschiedliche Risikoskalen, die in der Praxis zum Einsatz kommen. Jedoch sticht keine in besonderer Weise hervor. Das Erkennen und die Vermeidung einer Entstehung von Dekubiti mithilfe von standardisierten Risikoskalen ist wissenschaftlich aber nicht belegt.

 

Der Vorteil von Risikoskalen ist im rechtlichen Bereich zu finden. Die Einschätzung und Untersuchung des Patienten können damit dokumentiert werden.

Dekubitus-Klassifikationen

 

Es gibt unterschiedliche Schemata, in denen die verschiedenen Erscheinungsformen von Dekubiti eingeteilt werden. Für die Versorgung von Patienten, Klienten und Bewohnern nach dem SGB V wird die Klassifikation nach dem ICD 10 verwendet.

Stadium I

 

Druckzone mit nicht wegdrückbarer Rötung bei intakter Haut

Stadium II

 

Dekubitus mit: Abschürfung, Blase, Teilverlust der Haut mit Einbeziehung von Epidermis und/ oder Dermis, Hautverlust o.n.A.


Stadium III

 

Dekubitus mit Verlust aller Hautschichten mit Schädigung oder Nekrose des subkutanen Gewebes, die bis auf die darunterliegende Faszie reichen kann

Stadium IV

 

Dekubitus mit Nekrose von Muskeln, Knochen oder stützenden Strukturen (z.B. Sehnen oder Gelenkkapseln)


Prophylaxe

 

Ganz entscheidend ist die Informationsweitergabe und die Beteiligung der Patienten/Bewohner, der Angehörigen und aller an der Pflege beteiligten Personen. Nur ein informierter Patient kann aktiv an der Prophylaxe mitwirken.

Die Förderung der Eigenbewegung des Patienten/Bewohners hat oberste Priorität. Erst, wenn die Eigenbewegung nur noch unzureichend durchgeführt wird, greift die Pflege durch unterstützende Maßnahmen ein. (Vgl. DNQP 2017)

Passive Bewegung

Die NICE Leitlinie (2014) ist die einzige Leitlinie, die eine konkrete Empfehlung zur Häufigkeit der Wechsellagerungsintervalle gibt. Hier gilt für Erwachsene mit einem Dekubitusrisiko eine sechsstündliche Positionsveränderung einzuhalten.

Für Erwachsene mit einem hohen Dekubitusrisiko wird eine Wechsellagerung alle vier Stunden empfohlen.

Für Menschen mit einer Rückenmarksverletzung lautet die Empfehlung eine Wechsellagerung alle zwei bis vier Stunden durchzuführen. (Vgl. DNQP 2017)

 

Die Lagerung der Pflegebedürftigen sollte einen Winkel von 30° betragen und in den Positionen Rechtsseitenlagerung, Linksseitenlagerung und Rückenlage stattfinden. Die Oberkörperhochlagerung sollte maximal 30° betragen. Bei allen Lagerungspositionen sind die Fersenposition und der Druck auf die Knochenvorsprünge regelmäßig zu prüfen. (Vgl. AWMA 2012;  KCE 2012)

Die Lagerung im 90° Winkel sollte vermieden werden. (Vgl. NPUAP/ EPUAP/ PPPIA 2014)

 

Wechseldruckmatratze / Weichlagerungssysteme:

Der Einsatz einer Wechseldruckmatratze wird bei Risikopatienten bereits als prophylaktische Maßnahme empfohlen, wenn ein häufiger Lagerungswechsel nicht toleriert würde. (Vgl. DNQP 2017)


Sitzende Position

Empfehlungen für Menschen, die häufig eine sitzende Position einnehmen:

  • "Körperstabilität und Handlungsfreiheit gewährleisten
  • Komfort, Hautinspektion und Minimierung des Druckes auf den Prädilektionsstellen*,
  • Heruntergleiten des Menschen mit Hilfe von Armlehnen und Fußstützen vermeiden,
  • Sichere Position der Füße direkt auf dem Boden oder mit Hilfe der Fußstützen,
  • Inadäquate Knie- und Achillessehnenstreckung durch höhergestellte Beinstützen vermeiden,
  • Optimale Ausrichtung der unteren Extremitäten, z.B. 90° Stellung der Hüften, Knie und Füße zur Vermeidung einer <90° Hüftstellung" (DNQP 2017).

Insgesamt wird empfohlen, das Sitzen zeitlich zu begrenzen, wenn in dieser Position keine Druckentlastung gegeben ist. Der Transfer auf und von den Sitzmöglichkeiten sollte möglichst mit Hilfsmitteln erfolgen, die die Druck- und Scherkräfte reduzieren, z.B. einem Rutschbrett oder Personenlifter. (Vgl. DNQP 2017)


Zu- und Ableitungen

Für viele Menschen gehören medizinische Zu- und Ableitungen zu ihrem Leben. Blasenkatheter, die PEG oder eine Sauerstoffbrille sind für sie tägliche Begleiter. Diesen Zu- und Ableitungen sollte man mit Blick auf die Entstehung von Dekubiti Beachtung schenken.

 

In diesem Zusammenhang werden folgende Maßnahmen angeraten:

  • Eine regelmäßige "Hautinspektion (mehr als zweimal täglich),
  • die Überprüfung der korrekten Verwendung [...},
  • die sofortige Entfernung bei Kontraindikation,
  • spezielle Hautpflege,
  • regelmäßige Lagerungswechsel von beispielsweise Sonden oder
  • das Heranziehen von präventiven Auflagen" (DNQP 2017).

Hautpflege

Die Haut sollte sauber und trocken gehalten werden. Zur Reinigung sollten pH-neutrale Produkte verwendet werden. Produkte, die die Hautbarriere schützen, werden befürwortet. (Vgl. NPUAP/ EPUAP/ PPPIA 2014)


Ernährungsbezogene Maßnahmen

Sobald ein Dekubitusrisiko bei einem Patienten/Bewohner ermittelt wurde, sollte ein Ernährungsscreening durchgeführt werden, da Mangel- bzw. Unterernährung einen zusätzlichen Risikofaktor darstellt (Vgl. NPUAP/ EPUAP/ PPPIA 2014).

Darauf aufbauend, kann eine Diätassistentin einen angepassten Speiseplan erstellen. In manchen Fällen werden Nahrungsergänzungsmittel verabreicht, die besonders eiweißreich sind und viele wichtige Vitamine und Mineralien enthalten. In der Literatur sind nur eingeschränkte Empfehlungen zu finden. (Vgl. DNQP 2017)


Therapie

Sollte ein Dekubitus entstanden sein, sind folgende Maßnahmen durchzuführen:

 

Grundsätzlich werden alle zuvor prophylaktisch durchgeführten Maßnahmen weitergeführt. Zusätzlich wird die Wundversorgung durch examinierte Pflegefachkräfte und Wundexperten übernommen.

 

  • Kontinuierliche Weichlagerung - Wie oben erwähnt, spielen Wechseldruckmatratzen oder Weichlagerungssysteme eine große Rolle. "Das Grundprinzip dieser Matratzen und Auflagen ist eine konstante Weichlagerung und damit ein niedrigerer Druck. Diese entsteht, wenn der Körper in das Lagerungssystem „einsinkt“ und es somit zu einer Vergrößerung der Auflagefläche kommt." (DNQP 2017)
  • Wechsellagerungen
  • Anpassung des Lagerungsintervalls
  • Dokumentation in Bewegungsprotokollen
  • Schmerztherapie nach ärztlicher Verordnung
  • Wundreinigung 

Anmerkungen

 

* Prädilektionsstellen: von einem Krankheitsprozess bevorzugte Körperstelle. Im Fall von Dekubitus Hautstellen die direkt über knöchernen Teilen des Körpers liegen. Z.B. Sitzbeinhöcker, Fersen, Becken, Steißbein…

Quellen

Australian Wound Management Association (AWMA) (2012). Pan Pacific Clinical Practice Guideline for the

Prevention and Management of Pressure Injury. Abridged Version. Cambridge Publishing: Osborne Park, WA

 

Canva (2020): Alle Grafiken - online verfügbar unter www.canva.com

 

Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (Hrsg.) (2017): Expertenstandard

„Dekubitusprophylaxe in der Pflege – 2. Aktualisierung 2017“. Schriftreihe des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege. DNQP: Osnabrück

 

National Pressure Ulcer Advisory Panel (NPUAP); European Pressure Ulcer Advisory Panel (EPUAP); Pan Pacific

Pressure Injury Alliance (PPPIA) (2014): Prevention and Treatment of Pressur Ulcers: Quick Reference Guide. Emily Haesler (Hrsg.). Cambridge Media: Perth, Australia

 

National Clinical Guideline Centre (NICE) (2014): Pressure ulcer prevention: The prevention and management of

pressure ulcers in primary and secondary care. National Institute for Health and Care Excellence: UK


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